Das ist ein Mädchen. Woher weißt du das?

Das ist ein Mädchen. Woher weißt du das?

Pizzeria, irgendein Sonntag. Vom Flohmarkt nebenan trägt ein Kind ein Barbiehaus über den Platz. Meine Tochter schaut hin und sagt: „Das ist ein Mädchen."

Ich: „Woher weißt du das?" Sie: „Hat lange Haare und ist schick."

Ich lasse das kurz sacken. Ihre zwei besten Freunde haben lange Haare. Der eine ist manchmal auch ganz schick. Ich sage ihr das. Sie überlegt zwei Sekunden und liefert die Lösung nach: „Das ist ein Junge-Mädchen, deshalb."

Problem gelöst. Kategorie gerettet.

Und ich sitze da mit meiner kalten Pizza und denke: Wie zur Hölle ist das da reingekommen?

Denn wir haben uns Mühe gegeben. Wirklich Mühe. Drei Jahre lang haben wir sie gender-neutral angezogen. Autos und Puppen. Dinosaurierbücher und Feengeschichten. Kein Rosa-Zwang, kein Blau-Zwang. Wir haben die Schubladen nicht aufgemacht. Wir wohnen mitten in Berlin, im angeblich progressivsten Eck der Republik. Wenn es irgendwo nicht reinsickern dürfte, dann hier.

Sickert trotzdem rein.

 

Das ist der Teil, den dir vorher niemand sagt: Du bist nicht der Hauptsender. Du bist ein Sender unter hunderten. Die Kita, die anderen Kinder, die Großeltern, die Bilderbücher, die Hörspiele, die Verpackung im Supermarkt, die Frau an der Kasse, die zur Tochter „na, kleine Prinzessin?" sagt und zum Sohn „na, großer Mann?".

Es ist nicht eine Stimme. Es ist die Luft. Und gegen Luft kannst du dein Kind nicht abschirmen.

Mit drei fängt sie an, selbst zu entscheiden. Und sie entscheidet sich für Rosa. Für Pink. Für Kleider, am liebsten jeden Tag. Glitzer läuft hoch im Kurs.

Nur: War das ihre Wahl? Oder hat die Luft durch sie gewählt, lange bevor sie es konnte? Ich kann es nicht auseinanderhalten und das ist der unheimliche Teil.

Der andere unheimliche Teil bin ich. Ich sage, ich will, dass sie selbst entscheidet. Als sie sich dann für genau das entschied, wovon ich sie fernhalten wollte, hat's mich trotzdem gestört. So frei war mein „entscheide selbst" wohl auch nicht.

So weit die deprimierende Hälfte. Jetzt die andere.

Vor ein paar Wochen erklärt mir dieselbe Tochter, sie hätte gern einen Penis. Ich frage, warum. „Damit ich auch im Stehen pinkeln kann." Logisch. Praktisch. Kein Drama, keine Identitätskrise, keine Diskussion. Ein Werkzeug fehlt, sie hätte es gern. Fertig.

Da war plötzlich gar kein Problem mehr, die Rollen zu mischen.

Und das ist der Moment, in dem mir aufgeht, wer hier eigentlich das Problem hat. Nicht sie. Sie sortiert das Barbiehaus in eine Schublade und will im nächsten Atemzug im Stehen pinkeln, und für sie passt das mühelos zusammen. Es ist kein Widerspruch in ihrem Kopf. Der Widerspruch ist in meinem.

Ich bin die, die zusammenzuckt. Die analysiert, sich sorgt, „lange Haare = Mädchen" als Alarmsignal hört. Sie hört das nicht als Alarm. Sie hört das als Information, eine, die man bei Bedarf auch wieder umbaut.

Kinder sind nicht das Problem mit den Geschlechterrollen. Wir sind es. Wir haben die Schubladen gebaut, wir halten sie in Schuss, und dann wundern wir uns, dass die Kleinen früh wissen, wo was reingehört.

Ich habe nicht die Lösung. Ich glaube nicht mal, dass es eine gibt, die man einmal anwendet und dann ist Ruhe. Was bleibt, ist undramatisch: die Tür offen halten. Nicht zusammenzucken, wenn sie Pink will. Nicht zusammenzucken, wenn sie einen Penis will. Beides ist okay. Beides ist sie.

Sie ist mehr als eine Schublade. Und ehrlich gesagt, daran müssen wir Erwachsenen sowieso noch arbeiten. Nicht nur für unsere Töchter. Auch für uns.

Nicht das Kind hat ein Problem mit den Schubladen. Wir haben eins.

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