Wir haben mit Laura @momsonfire über Mutterschaft, Care-Arbeit, Beziehung und die Frage gesprochen, warum faire Aufteilung in der Realität oft anders aussieht, als viele Paare glauben.
CAECILIA: Laura, du sprichst auf Instagram viel über Mental Load, Mutterschaft und Care-Arbeit. Was lässt dich an diesen Themen nicht los?
LAURA: Alles. Es ist für mich wie ein Rabbit Hole. Wenn man einmal eingetaucht ist in diese Themen, in die Ungerechtigkeiten und Strukturen, dann kommt man da irgendwie nicht mehr raus. Zumindest geht es mir so. Ich beschäftige mich gern damit, weil ich selbst unheimlich viel dabei lerne und weil ich das Gefühl habe, dass ich meinen Kindern dadurch auch etwas mitgeben kann.
CAECILIA: Hat dir diese Auseinandersetzung auch geholfen, Dinge für dich selbst anders einzuordnen?
LAURA: Ja, total. Gerade am Anfang, bei Themen wie Mutterschaft, Erschöpfung, Selbstzweifel, all dem, was damit einhergehen kann, hat mich das sehr beschäftigt und geprägt. Und es hilft mir heute, anders draufzuschauen. Zum Beispiel zu verstehen:
Die Erschöpfung ist nicht einfach nur meine Schuld. Es gibt strukturelle Dinge, die Mutterschaft extrem erschweren.
Deswegen gehe ich da so tief rein.
CAECILIA: Mental Load wird oft so behandelt, als ginge es einfach ums Organisieren. Was wird dabei deiner Meinung nach kleingeredet?
LAURA: Die Verantwortung. Das wird oft sehr oberflächlich thematisiert. Mental Load klingt schnell nach To-do-Listen und Organisieren. Aber eigentlich geht es viel tiefer.
Es geht um dieses permanente Verantwortlichsein, darum, verfügbar zu sein und am Ende irgendwie die letzte Instanz zu sein.
CAECILIA: Also nicht nur: Wer erledigt etwas? Sondern: Wer sorgt dafür, dass überhaupt an alles gedacht wird?
LAURA: Ja, genau. Und das sitzt eben tief.
CAECILIA: Viele Paare sagen ja von sich, zumindest hier in Berlin, sie teilen sich Familie und Care-Arbeit fair auf. Woran zeigt sich für dich, ob das wirklich stimmt?
LAURA: Ich glaube, viele Väter würden von sich behaupten, dass sie gleich viel übernehmen. Aber oft eben andere Dinge. Und ganz vieles bleibt unsichtbar, wenn man es nicht selbst gemacht hat. Dann denkt man: Ich mache doch total viel. Aber man sieht gar nicht, was die andere Person die ganze Zeit leistet. Und wie soll es dann gerecht aufgeteilt werden?
CAECILIA: Heißt: Das Problem ist auch, dass so viel Arbeit unsichtbar bleibt?
LAURA: Ja. Und ich glaube, in ganz vielen Fällen übernehmen Mütter einfach wesentlich mehr, auch weil sie es vorher schon gemacht haben. Und dann landen sie irgendwann in einer Erschöpfung, ohne sofort zu merken, woran es eigentlich liegt.
CAECILIA: War das bei euch auch so? Konntet ihr daran etwas verändern?
LAURA: Wir waren am Anfang auch in der traditionellen Rollenverteilung und es ist herausfordernd etwas daran zu ändern. Es ist ein Prozess.
Auch nach sechs Jahren Elternschaft ist das immer noch ein Prozess, sich neu zu finden und auszutarieren.
Was uns geholfen hat, war, dass wir beide da sind. Also dass beide von zu Hause arbeiten und beide diese Verantwortung überhaupt mal durchleben, um zu begreifen, was alles auf dem Tisch liegt.
CAECILIA: Was hat euch konkret geholfen?
LAURA: Wir haben unser Leben Stück für Stück umstrukturiert. Beide wollen mehr da sein, beide wollen mehr Kapazitäten für Mental Load, Haushalt und die ganzen Dinge haben, die organisiert werden müssen. Und wir setzen uns immer wieder zusammen und sprechen darüber, was ansteht. Aber das ist nichts, was man einmal löst und dann ist es erledigt.
CAECILIA: Du hast auch gesagt, dass es geholfen hat, dich mehr rauszuziehen.
LAURA: Ja. Ich habe irgendwann angefangen, wieder mehr Dinge für mich zu machen, auch mal ein paar Tage wegzufahren. Das hat natürlich geholfen, weil dann der komplette Alltag auch wirklich abgegeben werden musste. Wochenenden zählen da für mich nicht so richtig.
CAECILIA: Ein spannender Punkt ist auch Sprache. Warum findest du das Wort „helfen“ in diesem Zusammenhang problematisch?
LAURA: Weil helfen ja automatisch bedeutet, dass die Verantwortung bei einer anderen Person liegt – und oft ist das eben die Mutter. Sprache ist da total spiegelnd. Sie zeigt, welche Grundwerte in einer Gesellschaft oder in Beziehungen stecken. Und ich finde, genau deshalb ist es nicht banal, wie wir über solche Dinge sprechen.
CAECILIA: Viele reagieren auf solche Sprachfragen ziemlich gereizt.
LAURA: Ja, total. Ich habe oft das Gefühl, dass Leute sich schnell angegriffen fühlen, wenn man an Sprache rührt. So nach dem Motto: Das haben wir schon immer so gesagt. Aber Sprache macht eben viel. Und ich versuche auch bei meinen Kindern darauf zu achten, solche Begriffe bewusst nicht einfach zu reproduzieren.
Außerdem frage ich mich wirklich was das mit Männern macht, wenn man ihnen ständig vermittelt: Du hilfst halt mit, du bist so ein bisschen Beiwerk, dann ist das ja auch komisch.
Wie viel schöner wäre es eigentlich zu sagen: Nein, ich helfe nicht nur, ich bin verantwortlich, ich bin Teil davon.
CAECILIA: Hat Mutterschaft auch deinen Blick auf Beziehung verändert?
LAURA: Absolut. Komplett. Ich habe das Gefühl, man geht gemeinsam in so ein nächstes Level. Es ist einfach wahnsinnig viel zu organisieren und man muss als Team funktionieren. Ich will aber gar nicht so tun, als hätte das bei uns immer geklappt. Das ist auch etwas, das man sich gemeinsam erarbeiten muss und woran man wachsen kann.
CAECILIA: Gibt es etwas, das Paaren helfen kann, die Verteilung realistischer zu sehen?
LAURA: Ja, wir haben tatsächlich auch mal Dinge aufgeschrieben. Also über den Tag hinweg festgehalten, was alles getan werden muss. Natürlich kann man das nicht immer leisten, aber einmal sichtbar zu machen, was überhaupt alles anfällt, kann total hilfreich sein. Es gibt dafür ja inzwischen auch Listen und Webseiten, die einen da durchführen.
CAECILIA: Wird beim Thema Mental Load inzwischen genug öffentlich gesprochen oder bleibt es am Ende doch wieder bei Awareness?
LAURA: Es wird auf jeden Fall mehr thematisiert, und das finde ich erstmal gut. Gerade auf Social Media. Wobei ich natürlich auch in meiner Bubble bin. Aber ganz ehrlich: Ich finde nicht, dass schon so viel passiert. Und das macht mich traurig. Im Moment habe ich eher das Gefühl, dass vieles wieder rückläufig ist.
CAECILIA: Was meinst du mit rückläufig?
LAURA: Dass wieder mehr veraltete Rollenbilder präferiert werden. Dass man eigentlich denken würde, es müsste vorangehen und gleichzeitig sieht man, dass es in manchen Bereichen eher zurückgeht. Ich würde mir wünschen, dass es anders wäre.
CAECILIA: Was bleibt dann?
LAURA: Dranbleiben. Nicht müde werden. Weiter darauf aufmerksam machen. Informieren. Laut bleiben. Und auch politisch muss sich etwas verändern. Care-Arbeit müsste viel stärker anerkannt werden als das, was sie ist. Sonst bleibt so vieles unsichtbar.
Neugierig, wie fair die Aufteilung bei euch wirklich ist? Einen kostenfreien Mental Load- und Equal Care-Test findest du HIER.
Fotos: Laura
Interview & Text: Caecilia Pohl