Wenn beim Check-in die Dämme brechen....

Wenn beim Check-in die Dämme brechen....

Lovis fotografiert Frauen in der Schwangerschaft, bei der Geburt, im Wochenbett und in den ersten Jahren mit Kind. Ihre Bilder sind so nah, dass man fast jede Pore sieht. Wir haben mit ihr über die Momente vor und nach dem Auslösen gesprochen.

CAECILIA: Lovis, wie viele Frauen haben bei dir vor der Kamera schon geweint?

LOVIS: An zwei Händen kann ich das nicht mehr abzählen. Nicht bei jedem Shooting, aber oft. Und fast immer im selben Moment, ganz am Anfang, bevor ich überhaupt ein Foto gemacht habe.

CAECILIA: Was passiert da?

LOVIS: Ich beginne jedes Shooting mit einem Check-in, einer Art Meditation. Die Frau spürt in sich hinein und fragt sich, wie es ihr gerade eigentlich geht. Ist sie schwanger, leite ich sie an, sich mit dem Baby und ihrem Körper zu verbinden. Im Wochenbett mit ihrer Mutterschaft. Das ist ein intensiver Prozess. Wenn dann die Entspannung einsetzt und alles losgelassen wird, kommen die Tränen.

CAECILIA: Weinst du mit?

LOVIS: Selten. Ich weine gern und viel, nur nicht bei der Arbeit. In dem Moment halte ich den Raum. Ich bin konzentriert und überlege, was es als Nächstes braucht. Manchmal würde ich gern mitweinen. Weinen ist ja auch ein Release.

CAECILIA: Gibt es Shootings, bei denen besonders viel geweint wird?

LOVIS: Die Generationenshootings. Uroma, Oma, Mutter, Tochter in einem Raum. Eine Linie von Frauen, in der die eine die andere geboren hat. Da ist so viel Geschichte im Raum. Am meisten überwältigt waren die ganz alten Frauen.

CAECILIA: Warum gerade die?

LOVIS: Ich glaube, sie sind am weitesten weg davon. Unsere Kinder gehen ganz anders mit Gefühlen um, die Generation Frauen vor uns wurde emotional noch weniger gehalten. So ein Shooting traut sich auch nicht jede Familie, man muss sich dafür nah sein. Aber wo es stattfindet, liegen sich am Ende alle in den Armen. Und man hat Bilder zB. für die Zeit, wenn die Oma nicht mehr da ist.

CAECILIA: Was machst du mit einer Frau, die sich nicht fallen lassen kann?

LOVIS: Erst mal schauen, wer da reinkommt. Braucht sie ein Gespräch über Outfits, oder erzählt sie mir sofort, dass sie einen schlimmen Tag hatte? Der Check-in kommt immer, aber ich sage jedes Mal dazu, dass es völlig okay ist, wenn man gerade nichts fühlt. Das kenne ich vom Yoga. Manchmal kommt man einfach nicht an sich heran. Und das darf genauso sein.

CAECILIA: Und dann?

LOVIS: Dann ist das so. Eine Frau hat mir mal gesagt, sie wollte da gar nicht rein und hat sich lieber auf ihren Körper konzentriert. Manche nutzen das Shooting für ihr Empowerment als Mutter, andere wollen einfach etwas Verrücktes anziehen und spielen. Wie tief es geht, entscheidet jede selbst.

CAECILIA: Du kommst aus der Modefotografie. E-Commerce, weißer Hintergrund…

LOVIS: Und mir war oft langweilig. Also habe ich zwischendurch emotionale Details fotografiert, ganz nah dran. Die Kunden fanden das schön, nur sah man eben die Klamotten nicht.

CAECILIA: Für ein Modelabel eher schlecht.

LOVIS: Für mich war es der Auslöser. Genau so wollte ich fotografieren, richtig nah ran, ins Detail. Angefangen habe ich mit Freundinnen, unter dem Namen Hautnah. Da ging es viel um Selbstwert und den eigenen Körper.

CAECILIA: Auch mit Männern?

LOVIS: Mit ein paar. Aber ich habe gemerkt, dass ich nicht die Richtige bin, um Männern diesen Raum zu geben. Väter fotografiere ich gern mit, in Familienmomenten. Nur Männer, das war nicht meins.

CAECILIA: Wann war klar, dass es Mütter werden?

LOVIS: Mit meinem eigenen Mutterwerden. Ich habe so stark gespürt, wie gut es tut, Raum geschenkt zu bekommen. Beim Yoga, bei einer Coachin, in der Krabbelgruppe. Diesen Raum wollte ich Müttern geben.

CAECILIA: Was sagen Frauen, wenn sie ihre Fotos zum ersten Mal sehen?

LOVIS: Meistens erst mal „Oh Gott, wie sehe ich denn da aus“. Das kenne ich von mir selbst. Bei einem Selfie kannst du noch steuern, bei einem Foto von jemand anderem bist du ausgeliefert. Deshalb steht in der Mail mit den Bildern immer ein Absatz. „Dreh deine innere Kritikerin leiser, sie bringt dir nichts. In zehn Jahren wirst du dich auf diesen Bildern wunderschön finden. Begegne dir neutral. Das bist du, an diesem Punkt in deinem Leben.“

CAECILIA: Eine Reaktion, die du nicht vergisst?

LOVIS: Eine Frau hatte ein Einzelshooting gebucht, ohne Schwangerschaft, ohne Baby, nur für sich. Sie schrieb mir danach, sie könne jetzt besser mit ihrem Körper umgehen. Und sie sei so stolz auf sich, dass sie die Bilder teilen wolle. Dass sie stolz auf sich ist, das hat mich berührt.

CAECILIA: Auf vielen Familienfotos fehlen die Mütter, weil sie hinter der Kamera stehen. Wie ist das bei dir?

LOVIS: Ich habe Geburtsbilder und Wochenbettbilder. Und ich fordere meinen Mann auf, mich zu fotografieren, zum Beispiel beim Stillen. Inzwischen erkennt er selbst, wann so ein Moment ist. Er nimmt dafür mein Handy. Seine Kamera ist schlechter.

CAECILIA: Dein Motto ist „Mothering women“. Wer mothert dich?

LOVIS: Die Frauen, mit denen ich zusammenkommen darf. Am Anfang meiner Mutterschaft war ich einsam zu Hause und habe mich gefragt, ob ich jetzt raus bin. Heute habe ich eher das Gefühl, dass ich reingekommen bin. Durch die Mutterschaft bin ich viel stärker mit anderen Frauen verbunden.

CAECILIA: Und du selbst?

LOVIS: Ich fahre allein in den Urlaub, mindestens einmal im Jahr. Hotelzimmer, mein Rhythmus, mein Tempo. Urlaub mit kleinen Kindern ist eben kein Erholungsurlaub.

CAECILIA: Wann hast du zuletzt privat fotografiert?

LOVIS: Gerade eben. Ich kann nicht anders. Ich sehe Momente, Details, ich muss die ganze Zeit fotografieren. Mein Speicher leidet entsprechend.

CAECILIA: Viele würden sagen, leg die Kamera weg, dann erlebst du den Moment.

LOVIS: Höre ich oft. Für mich ist die Kamera eher eine Lupe. Wenn ich nach dem Regen im Wald einen Tropfen fotografiere, der gerade fällt, genieße ich den Wald noch intensiver. Jedes Foto verbindet mich mehr mit dem Leben. Klingt pathetisch, ist aber so.

CAECILIA: Wir zeigen Frauen mit Attitude, Hände frei, Blick nach vorn. Deine Bilder sind nah, weich, ungeschützt. Was sieht deine Kamera, was unsere nicht sieht?

LOVIS: Ich mache gerade selbst viel Härteres, mit Sonnenbrille, statementmäßiger. Aber ich liebe die Nähe, bei der man fast jede Pore sieht. Ich habe das Gefühl, solche Bilder schütten Oxytocin aus. Ich will zeigen, wie intensiv und emotional es ist, Mutter zu werden und Mutter zu sein.

CAECILIA: Welches Foto von dir würdest du gern haben, das es nicht gibt?

LOVIS: Mehr von meiner ersten Geburt. Ich habe ein Foto während der Geburt, das ist mir heilig. Und Bilder von den ersten Sekunden, als mein Kind auf mir lag. Aber ich hätte gern die Stunden davor. Wie ich gelegen, gesessen, gehockt habe, wie ich die Wehen veratmet habe. Nicht, unbedingt wie das Kind rauskommt. Mein Gesicht.




Lovis Trummer fotografiert unter dem Namen Hautnah Shooting Frauen und Mutterschaft.
Auf den Bildern trägt sie unsere Posh Pants in Raspberry Pink.

Interview & Bilder: Caecilia Pohl

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